Kontroverse Erinnerungspolitik -  Gedenken oder Aufarbeiten?

Warum ist die Erinnerungspolitik in Deutschland und Frankreich aktuell so umstritten? Dieser Frage war die Februar-Ausgabe der „Deutsch-Französischen Zukunftswerkstatt“ gewidmet, die das Institut français Bonn in Kooperation mit dem CERC und der Konrad-Adenauer-Stiftung ausrichtet.

Eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler arbeiten hinter einer Glasfassade und mischen Chemikalien mit Großgeräten.
© Institut français Bonn

Unterschiedliche Konzepte, ähnliche Entwicklungen

Dani Kranz (Forschungsdirektorin des Tikvah Instituts, Berlin) und Sébastien Ledoux (Historiker an Université de Picardie Jules Verne, Amiens) gaben einleitend einen Überblick über die Entwicklung der Erinnerungspolitik in Deutschland und Frankreich seit 1945. Die verwendeten Begrifflichkeiten spiegeln bereits unterschiedliche Ansätze und Traditionslinien in beiden Ländern wider: Während in der Bundesrepublik die Frage, was erinnert werden soll, schon seit dem 1980er Jahren unter dem Stichwort Erinnerungskultur thematisiert wurde (von Flucht/Vertreibung über den Holocaust bis hin zu Fragen der Migration und der Kolonialgeschichte), spricht man in Frankreich eher von Erinnerungspolitik (genauer gesagt im Plural: politiques mémorielles), vom „nationalen Gedächtnis“ (mémoire national) oder der „nationalen Erzählung“ (récit oder roman national). In beiden Ländern beeinflussten Bevölkerungsbewegungen die Erinnerungsräume, die teilweise sehr heterogen gestaltet sind. In Deutschland bemühte man sich von staatlicher Seite aus lange Zeit insbesondere um eine Erinnerungskultur, die sich der eigenen Verantwortung für Nationalsozialismus und Holocaust stellt. Frankreich erinnerte traditionell eher positiv besetzte Themen der eigenen Nationalgeschichte, Erfahrungen von Revolution, Kriegen und Siegen sowie des Widerstands (der résistance) gegen den NS.

Für beide Länder lassen sich die 1990er Jahre als Wendepunkt ausmachen: In Deutschland entsteht in dieser Zeit ein erstes Migrationsmuseum, in Frankreich thematisiert Staatspräsident Jacques Chirac erstmals öffentlich die (Mit-)Verantwortung französischer Behörden für antisemitische Verfolgungen und Deportationen zur Zeit des Vichy-Regimes. Verschiedene Erinnerungsstränge führten zu einer Erneuerung der offiziellen Erinnerungspolitik.

Jüngere Entwicklungen: Gefahr der Nationalisierung und Kontroversen um Erinnerung in Einwanderungsgesellschaften

Beide Referenten warnten vor den Gefahren einer Nationalisierung von Erinnerungsfragen. Für Dani Kranz verhindert die ausschließlich nationale Einordnung der Vergangenheit das tiefere Verständnis historischer Zusammenhänge, insbesondere in Einwanderungsgesellschaften, die mittlerweile sehr heterogen sind. Sie bedauerte unter anderem, dass Themen wie der Algerienkrieg im deutschen Schulunterricht keine Beachtung finden, obwohl diese den gesamten europäischen Raum beträfen.

In den vergangenen Jahren erschütterten Debatten um die Umbenennung von Häusern und Straßen, die Restitution von Kulturgütern und Geschichtsrevisionismus durch rechte Parteien den erinnerungspolitischen Diskurs beider Länder. Kranz beobachtet, dass „Erinnerungskultur“ ein zunehmend politisierter Begriff sei; eine Tendenz, die Ledoux auch für Frankreich bestätigte. Eine „nationalistische Erzählung“ (récit nationaliste) sei wieder salonfähig geworden und kritisiere öffentliche Bemühungen um eine differenzierte Stellungnahme zu den Verbrechen des Holocaust oder des Kolonialismus. In Frankreich werden aktuell insbesondere zwei Themen kontrovers diskutiert: die Geschichte der Sklaverei und der Algerienkrieg. Ausgehend von einer Aufarbeitung von Zeitzeugenberichten und aufbauend auf die Erschließung von historischen Gedenkorten hat sich die französische Erinnerungskultur in diesen Bereichen stark entwickelt, vor allem auf kommunaler, teilweise aber auch auf nationaler Ebene.

In Deutschland wurde die Debatte um die Frage, wie die öffentliche Erinnerungskultur auf weitere Themen (wie die Kolonialgeschichte) und gesellschaftliche Gruppen (wie z.B. Migranten) ausgeweitet werden kann, in den letzten Jahren z.T. sehr emotional geführt. Unterschiedliche Akteure warnten dabei vor der Gefahr einer Relativierung des Holocaust. Kranz verwies in dem Zusammenhang darauf, dass eine lokale Verortung in Form von Gedenkstätten wichtig sei, doch verschiedene Ereignisse dürften nicht künstlich miteinander vermischt oder verkürzt dargestellt werden. In Frankreich findet Ledoux zufolge aus ähnlichen Gründen ein „Krieg der Narrative“ (guerre des narrations) um die Frage statt, woran in der Nationalgeschichte erinnert werden soll. Dabei entzündeten sich viele Emotionen immer wieder an dem inzwischen stark politisierten Begriff der „Reue“ (repentance).

Die Studierende Esther Mangani vom Deutsch-Französischen Jugendausschuss brachte die Frage ein, wie gesellschaftliche Gleichberechtigung in der Erinnerungspolitik umgesetzt werden kann: Ledoux verwies auf viele Zeitzeugeninitiativen, u.a. ein französisches Programm zur Aufarbeitung des Algerienkriegs, in dem Jugendliche explizit von ihren Erfahrungen berichten und miteinander ins Gespräch kommen. Kranz Plädoyer für mehr Inklusion war konkret: Sprachen lernen, Austausch fördern, direkte Begegnungen ermöglichen. 

Mit Blick auf die jüngere Generation wurde auch die Rolle sozialer Medien und digitaler Formate diskutiert. Kranz warnte vor einer Verstärkung der Polarisierung durch unverifizierte Quellen und eine Dominanz von „Meinungen“ gegenüber tatsächlicher Expertise. Die zentrale Herausforderung bestehe darin, in einer komplexen Gesellschaft eine gemeinsame Basis zu finden, die alle erreichen kann.

Abschließend wurde die Idee einer nationalen und europäischen Erinnerungskultur diskutiert. Aus dem Publikum kam über eine interaktive Abstimmung ein klares Votum für eine stärkere europäische Perspektive zustande (36 von 42 Personen stimmten dafür). Gerade angesichts der aktuellen Bedrohung der Demokratie gelte es, europäische Narrative zu entwickeln und eine gemeinsame europäische Erinnerung zu konstruieren, ohne dabei nationale Besonderheiten zu vernachlässigen.

Zwischen Gedenken und Aufarbeiten geht es letztlich um die Frage, wie demokratische Gesellschaften ihre Vergangenheit verstehen und welche Schlüsse sie daraus für ihre gemeinsame Zukunft ziehen wollen.

1. Erleben Sie die aktuelle Debatte um Erinnerungspolitik eher als...
wichtig und wünschenswert (77%)
polarisierend und spaltend (9%)
überzogen und schwer nachvollziehbar (15%)
 
2. Halten Sie es für sinnvoll, dass neben der nationalen Erinnerungskultur auch eine europäische Erinnerungskultur entstehen und gefördert werden soll?
Ja (86%)
Nein (12%)
Keine Meinung (2%)
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